Steadycam einstellen: illustrierte Anleitung + Geheimtipp

Nichts ist frustrierender als sich ein neues Kameraequipment zu kaufen und dann festzustellen, dass einem daran irgendwas nicht gefällt. So ging es mir bei meinem Umstieg auf eine Steadycam. Ich konnte sie einfach nicht perfekt ausbalancieren! Ein paar Anleitungen dazu sind recht okay. Gibt es aber keine wirklich richtige Technik dafür?

Die gibt es. Ich habe mittlerweile eine kugelsichere Methode, mit der du dein Schwebestativ haargenau einstellen kannst. Wenn du dieser Anleitung Schritt für Schritt folgst, wirst du jede noch so störrische Steadycam ausbalancieren können. Versprochen.

Außerdem erzähle ich dir von einem essenziellen Trick, über den selten gesprochen wird. Aber so viele besondere Tricks braucht man gar nicht. Man muss nur den richtigen Ablauf kennen. Eigentlich ist es ja ganz leicht!

Kurzanleitung

  1. Zuerst bereitest du wirklich alles an der Kamera zum Filmen vor.
  2. Dann platzierst du die Kamera exakt mittig auf der Basisplatte.
  3. Jetzt kommt noch die Teleskopstange des Schwebestativs nach oben.
  4. Montiere so viele Gegengewichte, bis die Kamera gerade nicht mehr kopfsteht.
  5. Nun stellst du eine Drop Time von etwa 2 Sekunden ein.
  6. Als Nächstes balancierst du das Stativ in einer Richtung aus. Dazu schiebst du die Basisplatte bergauf.
  7. Danach drehst du es um 90° und verschiebst die Basisplatte wieder bergauf.
  8. Die letzten zwei Schritte wiederholst du, bis die Kamera gerade und stabil ist.
  9. Du machst meinen Spin Test.

Vorbereitung noch ohne Schwebestativ

Das Equipment einstellen

Wie sich ein Schwebestativ so flüssig drehen lässt. Herrlich. Lass deine Finger aber noch einen Moment vom drehenden Metall. Das muss zuerst in die Ecke und darf nur zuschauen.

Der absolut erste Schritt, um ein Schwebestativ richtig auszubalancieren, ist die Kamera vorzubereiten. Als Erstes steckst du jedes Teil an die Kamera, das eigentlich nicht zum Schwebestativ dazugehört. Dazu zählt ganz klar das Objektiv. Vor allem musst du die Brennweite wählen, die du für die Szene brauchst. Das Schwebestativ kommt stark aus der Balance, wenn man den Zoombereich verändert. Egal was es ist, wenn du es beim Filmen brauchst, montiere es jetzt.

Stelle alles so ein, dass du die Kamera eigentlich nur mehr einschalten musst. Ein paar Kleinigkeiten vergisst man leicht.

Kleine essenzielle Checkliste

  • Objektiv fest montiert
  • Richtige Brennweite eingestellt
  • Objektivdeckel abgenommen
  • Filter angeschraubt
  • Aufgeladenen Akku eingesetzt
  • Speicherkarte eingeschoben
  • Monitor ausgerichtet
  • Mikrofon eingesteckt
  • Lose Kabel fixiert

Die Kamera montieren

Die richtige Plattform

Dein Equipment ist jetzt eine Einheit, die man nun mit einer Schraube an das Schwebestativ befestigen kann. Dazu kannst du ein Schnellwechselsystem deiner Wahl verwenden, oder einfach die Basisplatte von deiner Steadycam nehmen.

Ich kann dir ein einheitliches Schnellwechselsystem stark empfehlen, denn:

Du musst nur einmal Tarieren, kannst aber die Kamera jederzeit abnehmen. Dabei verlierst du die lästigen, feinen Einstellungen nicht mehr. Außerdem nimmst du die Kamera sowieso irgendwann herunter. Da ist es besonders angenehm, wenn du kein Werkzeug brauchst. Für mich unglaublich wichtig! Mit so einem System kann man irrsinnig schnell zwischen Steadycam, Freihand, Tripod, Slider usw. hin und her wechseln.

Es könnte passieren, dass Objektive mit großem Durchmesser auf der Platte anliegen und dadurch die Kamera schief stellen. Das erzeugt Spannungen und hindert den freien Zugriff auf Knöpfe oder Schalter. Eine Schnellwechselplatte erhöht die Kamera und eliminiert solche Probleme.

Für welches System du dich entscheidest, hängt ganz von dir ab. Ich kann dir aber meine Empfehlung geben: Manfrotto Schnellwechselsystem. Auf Amazon gibt es tolle Systeme mit diesem Standard.  

Schwerpunkt der Kamera

Jetzt musst du den ungefähren Schwerpunkt deiner Kamera finden. Wichtig!

Im Prinzip geht es darum, die Kamera so zu montieren, dass der Schwerpunkt der Kamera genau in der Mitte der Basisplatte liegt.

Die Basisplatte wird dann mit der Schraube für den Stativanschluss an die Kamera festgemacht. Jetzt hast du den größten Spielraum für die spätere Feinjustierung und keine Schrauben im Weg. Alles wird in Folge leichter.  

Such dir dazu einen runden Stift oder eine ähnliche, horizontale Stange. Dann setze die Kamera vorsichtig um 90° verschoben auf. Der Horizont würde sich also im Video auf und ab bewegen, wenn du die sie kippst. Bring sie ins Gleichgewicht und schon hast du die Achse gefunden, auf der der Schwerpunkt liegt. Diese gedachte Linie würde ich mir mit einem Klebestreifen auf der Seite der Kamera markieren. Das Gleiche musst du jetzt der Länge nach machen.

Du nimmst also die (lose) Platte und schraubst sie schon mal an die Kamera fest. Wenn du dich für ein Loch entscheiden musst, dann nimm das, das am nächsten zum Schwerpunkt ist.

Jetzt kann das Ganze auch schon auf das Schwebestativ rauf.

Schwebestativ statisch ausbalancieren

Grobe Einstellung

Das Erste, was du tust: Teleskopstange ganz einziehen! Und auch die Gegengewichte bleiben noch weg. Wenn du die Basisplatte montierst, wird deine Kamera wahrscheinlich kopfstehen und das ist auch gut so.

Jetzt kannst du in kleinen Schritten die Gewichte am Schwebestativ-Fuß montieren, bis die Kamera sich aufrichtet. Wenn dir die Gewichte ausgehen, dann ziehe die Teleskopstange stückweise aus, sonst nicht. Das Schwebestativ wird ein wenig schief hängen, aber das macht jetzt nichts.

Ideale Anzahl an Gegengewichten

Je mehr Gewichte du rauf packst, desto kürzer muss die Teleskopstange im austarierten Zustand sein. Das System wird ein bisschen stabiler, aber auch schwerer. Vor allem bei Drehbewegungen merkt man die höhere Trägheit. Mit weniger Gewichten muss sie hingegen länger werden.

Wie du dein Schwebestativ schlussendlich führst, ist ganz von dir abhängig. Dennoch empfehle ich eine so kurze Stange wie möglich. Du fragst warum? Dazu habe ich eine Gegenfrage: Welches Pendel schwingt schneller? Eines mit einer Stahlkugel am Ende, oder eines mit einer gleich großen Holzkugel?

Das war eine Fangfrage! Es ist egal, wie schwer das Pendel ist. Wie schnell es schwingt, hängt nur von der Länge ab. Ein kürzeres Pendel schwingt schneller. Das bedeutet, dass unsere Steadycam allgemein schneller in die Gleichgewichtslage kommt, wenn sie kürzer ist. (Das hat noch nichts mit dem Drop Test zu tun.)

Physik ist wieder aufgefrischt. Jetzt aber zu den Gewichten.

Die Steadycam hat der Länge nach irgendwo ihren Schwerpunkt, um den sie sich dreht. Den möchten wir relativ mittig in das Kugellager verschieben. Nicht ganz mittig, sondern ein bisschen unterhalb, damit sie aufrecht bleibt. Das können wir mit den Gegengewichten schon mal grob erreichen. Dafür sind sie da.

Wie macht man den Drop Test?

Beim Drop Test wird das Schwebestativ aus der Ruhelage gebracht und dann losgelassen. Man misst die Zeit vom Loslassen bis zum Erreichen der vertikalen Lage. Diese Drop Time liegt idealerweise bei 2 Sekunden. (1,5 – 3 ist ein beliebter Bereich.) 

Eine kürzere Zeit macht das Ausbalancieren einfacher, aber erhöht das Schwingen bei schnellen Bewegungen. Wie auf einem Boot. Mit einer längeren Zeit wird das System empfindlicher. Dafür ist es stabil wie ein Fels. Man stellt mit der Drop Time also ein, wie nah der Schwerpunkt in der Mitte vom großen Kugellager ist bzw. wie weit darunter.

Von wo lässt man das Schwebestativ los? Viele Gurus schwören auf einen Drop Test von exakt 90°. Wer in Physik aufgepasst hat weiß aber, dass Pendel immer gleich lang brauchen, egal von wo man sie loslässt. Probiere es aus! (90° passen natürlich. Nur nicht mehr.)

Drop Time analysieren

4 Sekunden Drop Time. Zu lang. Was jetzt? Also die Gewichte verändern wir nicht mehr. Die haben wir ja extra für dein Setup bestimmt. Wenn die Drop Time zu lang ist, dann kannst du die Stange ein wenig ausfahren. Dadurch verschiebst du den Schwerpunkt entlang der Stange weiter nach unten. Mit anderen Worten, du vergrößerst den unteren Hebel. Die Steadycam fällt also schneller.

1 Sekunde Drop Time. Zu kurz. Was jetzt? Wenn die Drop Time zu kurz ist, dann musst du die Stange wieder ein wenig verkürzen. Ist die Stange schon ganz eingezogen und es geht noch immer zu schnell? Dann musst du wieder ein paar Gewichte am Fuß beidseitig abmontieren. Du könntest auch eventuell das Gewicht an der Kamera erhöhen.

Stell die Stange für den Anfang mal auf ziemlich genau 2 Sekunden Drop Time ein.

Das Schwebestativ exakt ausbalancieren

Basisplatte vertikal balancieren

Da wir am Anfang die Basisplatte so gewissenhaft an die Kamera montiert haben, ist das System schon relativ ausbalanciert. Es lehnt also nicht ganz stark in eine Richtung. Aber das ist uns bei weitem nicht genug. Jetzt ist absolutes Fingerspitzengefühl angesagt. Es geht wirklich um Bruchteile von Millimeter. Hast du schon mal ein paar Steine am Ufer übereinander balanciert? Genau so eine Geduld brauchst du jetzt!

Die Basisplatte kann ja vor, zurück, links und rechts verschoben werden. Wie genau das passiert ist von deinem Modell abhängig. Jedenfalls wollen wir mal eine Achse ausbalancieren. Wir wählen vor und zurück. Der Horizont würde sich also am Bild verschieben.

  • Schritt 1
    Nimm das Schwebestativ richtig in deine führende Hand und dreh die Kamera so, dass du sie genau von der Seite siehst. Die Schraube zum Verstellen ist zu dir gerichtet. Die Stange hängt in eine Richtung? Dann schiebe die Basisplatte einfach „bergauf“. Dadurch richtet sie sich gerade.
  • Schritt 2
    Wenn du mit dem Ergebnis zufrieden bist, mach die Schrauben fest und dreh die Kamera um 90°. Du schaust jetzt sozusagen durch den Sucher. Auch hier schiebst du die Kamera einfach bergauf, bis sie gerade ist.
  • Schritt 3
    Jetzt überprüfst du die Balance. Dazu startest du wieder bei Schritt 1. Es kann nämlich sein, dass die Anpassung einer Seite auf die andere einen kleinen Einfluss hat. Du gehst also ein paar Mal hin und her bis du absolut zufrieden bist. Denk daran: es geht zum Schluss um Haarbreiten.

Tipp für das Finetuning

Du bist dir nicht ganz sicher, wohin sie sich neigt? Gerade beim Finetuning kann das schwer sein. Dann habe ich einen Tipp für dich. Such dir eine waagrechte Oberfläche wie beispielsweise einen Tisch. Stell die Steadycam immer wieder gerade hin und hebe sie wieder leicht hoch. Dabei achte ganz besonders darauf, welche Seite des Fußes zuerst die Oberfläche berührt. Zusätzlich hilft dir dein Augenmaß. Ganz leicht geht es natürlich mit einer digitalen Kamera Wasserwaage.

Darum ist Geduld wichtig

Nicht den Mut verlieren! Gerade am Anfang ist dieser Prozess wirklich nervenaufreibend und langwierig. Es kommen so viele Dinge auf dich zu: Die richtige Führung der Steadycam, wie man Einstellungen vornimmt und dann noch wie man erkennt was zu tun ist. Außerdem ist jede Veränderung empfindlich! Es ist wirklich nur eine Frage der Übung. Ich schlage mal optimistisch 1 – 2 Wochen vor, bis du in 2 Minuten perfekt ausbalancierst.

Tipp: Wenn du Schrauben lockerst, dann schraube sie nicht zu weit hinaus. Dreh sie immer nur so weit wie nötig. Wenn die Schraube noch einen weiten Weg hat, bis sie fest ist, dann verschiebt sie wiederum das Gleichgewicht. Glaub mir, jeder Millimeter zählt!

Fertig! Dein Schwebestativ ist einsatzbereit. Aber (ja ein aber kommt noch) es geht noch besser.

Geheimtipp: Schwebestativ dynamisch ausbalancieren

Das Problem bei Bewegung

Ich habe dir ganz am Anfang einen wertvollen Tipp versprochen. Nun hier kommt er. Es geht um die dynamische Balance: Wir wollen, dass deine Steadycam selbst bei einer Drehung um die eigene Achse absolut stabil ist. Das ist ein Trick für Profis. Für den Anfang solltest du dich vielleicht an die Basics halten und ein bisschen üben. Aber ich will dir natürlich nichts vorenthalten!

Wo liegt das Problem? Wir haben doch die Steadycam so eingestellt, dass sie komplett vertikal ist! Das stimmt. Doch bei der Drehung um die eigene Achse fängt sie trotzdem an zu wobbeln?! Sieht so aus, als wäre dein Drehpunkt nicht perfekt im Lot. Prüfe es mal nach!

100 % stabil ist das Stativ erst, wenn es selbst bei Drehbewegungen absolut senkrecht bleibt. Bei einem simplen Setup ist das meistens gegeben, aber Mikrofon, Kameramonitor oder Akkupacks stiften schnell mal Unruhe.

So erreicht man dynamische Balance

Wie löst du das Problem? Ich nenne es den Spin Test.

Mach wieder einen Drop Test, aber diesmal beobachte, ob sich das Schwebestativ während des Schwingens um die eigene Achse dreht. Das wollen wir nicht.

Jetzt musst du das Gegengewicht eines Fußes ganz leicht nach innen schieben und mit der Basisplatte anschließend in die andere Richtung austarieren. Mach dabei ganz kleine Schritte!

Wenn der Spin Test nicht richtig hilft, dann kannst du auch das Schwebestativ mit deinen Fingern in der vertikalen Position langsam drehen. Bricht eine Seite leicht aus, oder fängt das Ganze an zu schwanken? Dann hast du eine schlechte dynamische Balance. Du musst etwas verändern.

Ich erkenne auch nicht gleich, welche Seite schuld ist. Versuch einfach ein Gegengewicht ganz leicht nach innen zu schieben. Ist es nach erneutem Tarieren schlechter? Dann versuch die andere Seite. Ist es besser? Prima, du kannst es jetzt fein einstellen.

Der Haken

Die Sache hat aber einen Haken. Jedes Mal, wenn du ein Gewicht leicht verschiebst, musst du die Kamera neu vertikal ausbalancieren. Je genauer du bist, desto aufschlussreicher wird der Spin Test. Der Workflow sieht dann folgendermaßen aus:

  1. Spin Test
  2. Gewicht verschieben
  3. Ausbalancieren
  4. Spin Test
  5. Gewicht verschieben
  6. Ausbalancieren
  7. … Du wirst ein paar Mal hin und her müssen!

Bleibt die dynamische Balance erhalten?

Puh, das alles ist ja ganz schön viel Feinarbeit. Jetzt fragst du dich sicher, ob du den gesamten Prozess für ein anderes Objektiv wiederholen musst. Ich habe gute Nachrichten für dich: Nein. Die dynamische Balance ist nur davon abhängig, wie die Schwerpunkte der einzelnen Massen um die Steadycam herum verteilt sind.

Also lass uns das montierte Objektiv gegen ein Schwereres tauschen. Was hat sich dabei verändert? Genau, die Drop Time. Also auf zum Drop Test. Danach bring die Basisplatte mit der Kamera wieder in Balance. Vorne, hinten, dann links und rechts. 

Spitze! Dein Schwebestativ hat seinen Namen jetzt wirklich verdient!

Versuchen, Versagen, Üben, Versagen, Üben, Meistern

Bei meinen Anfängen wurde man richtig seekrank vom Video! Mittlerweile klappt das Vorbereiten, Zusammenbauen und Einstellen meist innerhalb von 5 Minuten. Wenn du diese Schritte genau befolgt hast, wird dein Stativ messerscharf ausbalanciert sein.

Alles andere ist jetzt nur eine Frage der richtigen Führung. Die Steadycam einzustellen ist das eine, dass sie ein Teil von dir wird das andere. Mein Tipp: die korrigierende Hand tut so als wäre das Metall brandheiß! Nur kurze, leichte Eingriffe in das perfektionierte Gleichgewicht, das du nun erreicht hast.

Was aber bringt smoothes Filmen wie auf Wolken, wenn die Framerate ruckelt? Lies meinen Artikel, der dich zum Framerate-Profi macht.